Markus Goessi – Performer and Visual Artist

FANZINE Spezial Edition

11.Performance Reihe Neu-Oerlikon 2020


Von Mut und Magie / Markus Goessi
Ich liebe es Performances zu fotografieren, weil ich mich komplett darin verlieren darf.
Dabei hilft mir der Gedanke, dass ich mit der Fotografie, einer Performance nicht immer gerecht werden kann. Meine Ambivalenz Performance zu fotografieren ist Thema dieses Textes. Als Performer, Fotokünstler, als auch als Fotograf von Performance Kunst möchte ich dazu etwas erzählen, auch wenn ich in der Kürze dieses Textes einiges nur andeuten kann.

Für mich liegt die Faszination der Performance Kunst darin, dass ich absolut frei bin, mich aus den verschiedenen Künsten zu bedienen und mich inspirieren zu lassen. Ich hole meine Ideen jedoch auch aus dem Alltag; Dinge, die besprochen werden, Dinge, die mich bewegen, Dinge, die mich wütend machen. Meine Gefühle sind eine starke Antriebskraft, um immer wieder neue Ideen zu kreieren und um öffentlich aufzutreten. Ich glaube, dass das Material, das ich für die Performances verwende, mich findet und nicht umgekehrt. Vieles verwende ich immer wieder, anderes nur ab und zu. Ein ganz wichtiger Punkt, weshalb ich die Performance Kunst so liebe, ist in einem Satz von Monika Günther enthalten: «In einer Performance, darfst Du scheitern.» Was jetzt? Als junger Mann war die Angst vor dem Scheitern so gross, dass ich eigentlich nur Scheitern konnte und nun sagte da eine gestandene Performerin, dass ich mit dem Scheitern arbeiten darf. Eine Performance kann nicht scheitern, wenn ich das Scheitern bereits vorgedacht habe. Wenn ich mich also so lange um die eigene Achse drehe, ist die Möglichkeit, dass ich umfalle immer gegeben. Ist mir das bewusst, dann verhalte ich mich ganz anders, als wenn es mir nie in den Sinn gekommen wäre, dass ich umfallen könnte.
Ich weiss nicht ganz genau, was es ist, was mich immer wieder zum Auftreten bringt. Es ist, wie Elektrizität, ich will nichts, aber es knistert und macht einfach. Obwohl oder gerade, weil ich den Ablauf X-fach im Kopf durchgegangen bin, entscheide ich schliesslich alles im Moment, im Jetzt.

Im Museum schaue ich mir die Bilder an, die mich bewegen, interessieren und faszinieren. Ich denke darüber nach, was sie mit mir machen oder was sie bei mir auslösen. Ich habe jedoch nicht immer die Kapazität über die Werke, die mich nicht interessieren, nachzudenken. Warum sollte es in der Performance Kunst anders sein?
In jeder anderen Kunstform können sich die Künstler*innen hinter etwas verstecken, damit der Austausch zwischen dem Publikum und der Künstler*in etwas abgefedert oder medial umgewandelt wird. Die Theaterleute und die Filmschauspieler*innen haben ihre*n Dramaturgen*in und eine*n Regisseur*in, Tänzer*innen eine*n Choreografen*in, Maler*innen, Videoleute und alle anderen Künstler*innen haben Galerien und Museen, die sich gerne vor ihre ausgewählten Künstler*innen und Werke stellen. Die allermeisten Performer*innen haben das nicht und brauchen auch nichts, ausser, den Mut, sich hinzustellen und aufzutreten.
Für mich ist der Mut, ein zentrales Wort im Zusammenhang mit Performance Kunst.
Der Mut sich nackt zu präsentieren. Der Mut sein Innerstes nach aussen zu kehren. Den Mut, sich eins zu eins dem*der Betrachter*in gegenüberzustellen. Da ist keine Maske, da ist keine Rolle, da ist kein aussergewöhnliches Können, da ist meist nicht einmal eine Routine vorhanden. Da ist nichts, als ein Mensch, der den Mut hat, einfache Handlungen, feine Veränderungen oder die freie Rede zu vollziehen, manchmal selbst das Nachdenken sichtbar zu machen. Der Mut sich dem Zufall, dem bewussten Scheitern oder sich auch ganz einfach mit grosser Sorgfalt dem Nichts gegenüber auszusetzen.
In diesen Momenten ist die*der Performance Künstler*in, man verzeihe mir die Worte, es fallen mir keine besseren ein, Held*in oder Priester*in.

Wie wird die Fotografie der Performance gerecht?
Warum sollte ich eine Performance mit meiner Fotokamera festhalten wollen, wenn mich die Vergänglichkeit der Kunstform fasziniert? Die Performance Kunst kann nicht in ihrer gesamten Komplexität dokumentiert werden. Das heisst aber nicht, dass das einzelne Medium, wie das Video, der Text, die Zeichnung oder das Foto auf der ganzen Linie versagt, sondern dass es absolut möglich ist, Teilaspekte einer Performance festzuhalten.
Wenn ich eine Performance fotografiere, versuche ich mit der*dem Performer*in mit zu schwimmen, manchmal ist es schon fast ein Versenken in den Ablauf einer Handlung. Ich gehe mit dem*der Protagonisten*in und versuche die Poesie der Handlung für einen Bruchteil seiner*ihrer Performancearbeit festzuhalten.
Der eigentliche Prozess ist sehr konzentriert und intuitiv. Nicht immer kann ich die Distanz zwischen mir und der Performance bewahren, obwohl sich eine Fotokamera zwischen uns befindet. Nicht selten fliessen Tränen hinter der Kamera, sodass ich versuchen muss die Gefühle hinten an zu stellen, damit ich noch etwas durch das Objektiv sehen kann.
Daraus entsteht ein Bild von einem Moment einer Performance, die bereits Geschichte geworden ist, wenn ich erneut auf den Auslöser drücke. Natürlich ist es wunderbar, wenn sich ein Foto als Repräsentant für eine Performance herauskristallisiert. Aber das Bewusstsein, dass ich Performances Splitter produziere, ist mir sehr wichtig, damit ich mich nicht verkrampfe und zu einer konzentrierten Lockerheit komme. Es darf geschehen, muss aber nicht.

Aus Sicht des*der Performer*s*in, ist die Haltung, «ich lasse mich überraschen», sehr verbreitet. In den 20 Jahren in denen ich nun als Performer auftrete, habe ich schon selber sehr viel erlebt. Einmal hatte ich mich ganz verweigert und wollte weder gefilmt noch fotografiert werden. Heute fehlt mir die Dokumentation, da meine eigene Erinnerung daran sehr verschwommen ist. In China traf ich auf eine so grosse Front von Objektivlinsen vor meinem Gesicht, dass ich kaum noch ein Publikum sah. Nicht immer war eine Kommunikation mit einem*einer Fotografen*in oder Videografen*in möglich oder ich dachte, der*die Fotograf*in erkennt die wichtigen Augenblicke in meiner Performance von selber. Das war dann leider nicht immer der Fall, sodass ich von einer für mich wichtigen Performance kein einziges gutes Foto bekam.
Die Dokumentation einer Performance liegt in der Verantwortung der Veranstalter*innen, der Dokumentarist*innen und der Performer*innen und sollte im Vorfeld abgesprochen werden. Die Gepflogenheiten der Dokumentation sind kulturell und regional, sehr unterschiedlich. Für eine gute Dokumentation zählt auch das Publikum als Faktor. Wie viele Zuschauer sind anwesend, werden sie platziert, werden sie stehen, sitzen oder herumgehen?
Wird der*die Performer*in mit dem Publikum arbeiten, ist das Publikum ein Teil der Arbeit?
Das gemeinsame Interesse, dass etwas bleibt, darf zu mehr Diskussionsstoff zwischen den Performer*innen und den Dokumentaristen*innen führen. Es geht darum eine Dokumentation zu erhalten, die individuell für die eigene Arbeit als Künstler*in, als auch als Fotograf*in, wirklich brauchbar ist.

Natürlich ist eine Performancearbeit immer ein selbstständiges Werk, aber der Blick auf dieses Werk mit einer Kamera, ist der eine Blick eines*einer individuellen Zeugen*in.
Es wird erneut etwas Einmaliges erschaffen. Die digitale Fotografie ist das einzige Medium für mich, das die Performance Kunst nicht nur in eine andere Form übersetzt, das Foto vermag Skizze, Poesie, Dokument, Erinnerung, Werk und Stimmungsbild in einem zu sein. Oder es wirkt auf anderen Ebene weiter. Damit wird für mich die Einmaligkeit der Setzung eines Kunstwerkes in Frage gestellt und erhöht damit die unglaubliche Diversität der Fotografie als Medium. Ich denke, dass das Video einer Performance etwas an Magie verliert. Ich betone, dass ich dabei nicht von einer Videoperformance spreche, das ist für mich etwas ganz anderes. Aber an diesem Punkt schliesst sich für mich der Kreis. Die Spiritualität und Magie einer Performance, kommt am besten in der Fotografie wieder zum Vorschein. Natürlich völlig anders. Wahrscheinlich ist es nur eine Ahnung von einem Geheimnis. Die Begriffe Spiritualität und Magie bedeuten für jede*n etwas ganz anderes, es wird individuell gedeutet, so möchte ich es auch nicht zerreden.

Die Performance und die Fotografie scheinen einiges von diesen individuellen Haltungen zu erzählen, einiges zu sagen, einiges zu transportieren, zu transformieren, dass ich in Worte nicht sagen und erzählen kann. Vieles was Geheim ist, wird durch Abstruses manchmal erkennbar, manchmal sichtbar.




Performance Preis Basel 2009. Sicht auf das Original

Bericht der Kunstkredit Kommission


Histories Play_Muttenz
„Histories-play“ handelt vom Nachspiel einer männlich geprägten Geschichte: Territoriale Macht-ansprüche, kriegerische Eroberung und symbolisch vollzogene Grenzziehungen manifestieren sich als Körpergefühl.
Markus Goessi betritt den Raum. Vor sich her schiebt er einen Wagen mit Einkaufs-taschen, hinter sich her zieht er ein Wägelchen mit einem Kälte isolierenden Sack darauf. Wie eine „bag lady“ erscheint er, umkreist den Raum und lässt sich nieder. Er schneidet den Sack auf und zieht mit einer weissen Salzspur einen Kreis um Hab und Gut. Er umhüllt Bein und Arm und Kopf mit Aluminium-folie und wird zum notdürftig geharnischten Ritter. Nationale Flaggen werden aus der Tüte gezogen und über die Grenzen seiner Welt hinaus geworfen. Ein Plastikroboter wird wie ein Söldner über die Grenze geschickt; er öffnet die Flügel des Brustkorbes und schiesst rundum. Goessi selbst über-schreitet die Grenze, entrollt Aluminiumfolien und hinterlässt sie als Markierungshaufen. Die letzte Folienrolle steckt er auf einen Stab und schwingt sie wie eine Fahne im fremden Land, immer länger werdend umkreist sie seinen Körper, bäumt sich als tosende weisse Flamme so lange, bis sie ihn fesselt und reisst.
Der Jury gefallen diese Befragungen von Männlichkeit, die Brüchigkeit der Heldenfigur und ihre Tragikomik. Sie schätzt die Performance, weil sie risikofreudig das Scheitern nicht ausklammert. Unentschieden erscheint der Jury jedoch Goessis Versuch, den ohnehin symbolischen Objekten mehr Bedeutung abzutrotzen, als sie tatsächlich in sich tragen. Ihr Einsatz bleibt sehr direkt und damit illustrativ; ganz im Gegenteil zu seiner mittlerweile unübertroffenen Meisterschaft im erzählerischen Umgang mit der Aluminiumfolie.




Performance Preis Basel 2009. Sicht auf das Original

Basler Zeitung, Ausgabe vom 10.10.2009, Seite 39-40, Kultur


Histories Play_Muttenz
".... Zuletzt jedoch griff Markus Gössi schwergewichtige Begriffe wie Nation, Autonomie und Isolation in „Histories-play“ auf, das er als trashiger Ritter in einer Rüstung aus Alufolie bestritt. Als er gegen Ende einen Stab mit einer Rolle Alufolie wie eine Fahne um sich kreisen liess, diese sich mehr und mehr abwickelte und ihn wie eine Spirale umgab und später einwickelte, war er wieder da, der Moment, energiegeladen und einzigartig."




Mary Paterson on Markus Goessi:

Performance Saga Festival Arsenic, Lausanne 2009.


After Stuart Brisley
Performance Saga, Arsenic Theatre, Lausanne 2o9.Markus Goessi comes onto stage wheeling a trolley loaded with paper bags and a long stick, like an empty flag pole. He takes a brief tour of the stage – scoping out the territory – before he finds the corner that suits him. Here he parks his luggage and sets about making a border out of salt on the ground. His boundaries undulate like a natural island, marking out what is his and what is ‘outside’. Then Goessi makes a salt gateway for himself, steps through it and stands proudly outside his land, looking in.
Goessi’s performance is a response to Stuart Brisley, the UK artist who performed earlier in the evening. But whereas Brisley explored his performance space in a stream of methodical concen-tration, Goessi steps back from his from time to time, as if to calculate the effects of his labour.
When he is satisfied with his homemade landmass, Goessi sets about the business of protecting it. First he strips to his underpants, then he wraps parts of his body in tin foil: his legs, his ankle, his arms, his torso. He cuts a humorous figure on stage: a rotund knight in shimmering armour made from the materials of a domestic kitchen.
The problem seems to be that once he has made himself a home, Goessi must now protect it. He makes a tin foil flag to crown his flag pole, and he takes his flag pole off the island to begin an elaborate display of ownership. Goessi waves the flag round his head until the roll of tin foil unravels around him. It arcs into a magnificent spiral, and Goessi the homemade warrior is enshrined inside his sparkling border.
But, as the spiral wilts and starts to wrap around Goessi’s body, he is gradually transformed from the architect of his status, to the prisoner of his own desire to hold onto what he owns. This tin foil flag, which began as the symbol of his land, has literally stopped Goessi in his tracks. His legs are bound together, and he has to rip the flag in order to break free.
Protecting his island-base, Goessi is also plagued by imaginary enemies: cloves of garlic that he finds in his own bags, and drops outside the boundaries of his land. Then Goessi destroys them with a kitchen hammer, chasing them round the stage as they splinter after each hit. Like the flag that threatens to overcome him, these opponents only become dangerous as a direct result of what Goessi does.
After half an hour, Goessi has re-imagined the performance space as, in turns, a home, a place for leisure, and a site for battle. His land conquered and lost, the only thing left for him to do is leave.




International Performance Art Festival Minsk 2008




Fresh Flaggs_Minsk
The artist pays close attention to objects, and surrounds himself with them in his work. Objects may point to a secret, spiritual origin. For instance, his work with lamps and light, where the artist becomes a beekeeper, and light-bearing bees swarm towards him as if to a hive. Objects may also have socio political significance, like in the work performed at Navinki, in which the artist’s irony towards the political establishment is evident. The artist sees the globalist nature of the world’s top countries and their symbols as external talismans that hide a purely selfish need to be superior to other people. Therefore, he can deal with them effortlessly. For example, the flags of the G8 countries can become elements of a gaudy shaman’s costume. Paths of pure silver are sprinkled with golden coins, but the gold and silver are also part of a shamanic ritual designed only to reward themselves. Hoisting political symbols upon himself, all wrapped up in silver and gold, the new golden calf and ruler of the world boldly brandishes his baton of power at us.
Viktor Petrov




Performance Preis Basel 2005. Sicht auf das Original.

Bericht der Kunstkredit Kommisssion Basel-Stadt


Bacon and some corn_Muttenz
Markus Goessi thematisiert in seiner Performance die Performancegeschichte selbst. Stereotype Handlungen der Performancegeschichte wie Spucken, Schreien, Hosen runter- Relikte Hinterlassen vollzieht er zitierend, ohne im medienreflexiven Selbstzweck inteligent zu langweilen. Goessi setzt sich auf einen schwarzen Stuhl und spuckt Maiskörner aus, einzelne, mehrere, mal in die eine, mal in die andere Richtung, als wäre es ein Kunststück, als wären es längst verlorene Milchzähne.
Er tut dies konzentriert, aus sich heraus artikulierend, durchaus meisterhaft, fast schon akrobatisch.
Ein Schrei. Die Hosen werden ausgezogen, feinsäuberlich umgedreht, das Kornreservoir der Hosen-tasche entleert sich, die Hose wird skulptural aufgestellt. Abgang.
Goessi hinterlässt ein gespaltenes Publikum, die einen sind amüsiert, die anderen verwirrt, viele beides. Die Jury lobt die Performance als präzises, minimalistisches Kunststück.